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Nahrungsnetz

Beutebeziehungen in den Meeren finden mehrdimensional statt. Dieses ist der Grund warum nicht mehr von Nahrungsketten, sondern von Nahrungsnetzen gesprochen wird. Eine eindeutige Zuweisung von Produzenten zu Konsumenten und Destruenten ist hierbei sehr komplex und nicht gradlinig anzufertigen, sondern in unterschiedlichen Dimensionen verknüpft.

Der Name Nahrungsnetz resultiert dabei aus der schematischen Darstellung, die dem Aufbau eines Netzes ähnelt. Durch diese Form der Darstellung der Nahrungsbeziehungen in einem Ökosystem lassen sich diese in einen besseren Überblick bekommen.

Die Konstellation der Nahrungsbeziehungen in dem Lebensraum Ostsee sind immer in Abhängigkeit von dem Gebiet, der Sanität, Strömung, Tiefe, Temperatur und auch Jahreszeit zu sehen. Diese Faktoren definieren die Zusammensetzung der vorkommenden Arten in der jeweiligen Region. Osmotische Toleranzen gegenüber Salzgehaltsschwankungen entscheiden über das Vorkommen der Organismen zum Beispiel in Mündungsgebieten von Flüssen. So lässt sich erklären ob neben stenohalinen Organismen, die Salzgehaltsschwankungen besser vertragen auch euryhaline Formen vorkommen, die eine deutlich geringere ormotische Toleranz aufweisen. Ebenso spielt die Temperatur eine entschiedene Rolle. In den Winter- und Sommermonaten kann die Wassertemperatur stark schwanken. Die tieferen Bereiche der Meere weisen hingehen meist eine sehr konstante Temperatur auf. Einige Organsimen wandern daher auch je nach Jahreszeit von küstennahen Gewässern in tiefere Gebiete ab. Die mechanische Energie der Wellen, Einträge von Menschen und weitere Faktoren definieren die Zusammensetzung der Organismen in einem Gebiet. Wie in jedem Lebensraum üben die abiotischen Faktoren eine entscheidende Rolle für die Zusammensetzung aus. Die biotischen Faktoren greifen dann weiter ein und knüpfen mit den vorhandenen Organismen das Nahrungsnetz.

Gibt es eine Zunahme der Top Prädatoren (Räuber) verändert sich das ganze Nahrungsnetz, da die Hauptnahrungsquelle der Räuber temporär abnimmt. Ist eine Anpassung an anderen Nahrungsquellen nicht gegeben wird sich die Individuenanzahl der Prädatoren selbstständig nach einer gewissen Zeit wieder minimieren und die Organismen, die zur Nahrung zählten, erholen sich wieder in ihrem Bestand. Durch Eingriffe des Menschen lassen sich solche Abläufe nicht nur stören, sondern auch stark verschieben. Im Nahrungsnetz hat dieser Ablauf noch deutlich stärkere Auswirkung, weil die zahlreichen Zwischenbeziehungen ebenfalls davon betroffen sind. Mithilfe des Folgenden Beispiels, wird der Vorgang erklärt.

Die starke Befischung des Kabeljaus/Dorschs in der Ostsee führt zu einer Verschiebung im Nahrungsnetz. Der Kabeljau/Dorsch ernährt sich vorwiegend von Krebstieren, Muscheln, Stachelhäutern, Vielborstern und vor allem von Sprotten. Bei den Jungtieren besteht die Nahrung etwa zu 90% aus kleinen Krebstieren, die häufig in Miesmuschelbänken oder an Riffen/Wracks in Tiefen bis 30m leben. Einige Krebsarten essen wiederum Muscheln. Die Miesmuschel, die ins Nahrungsspektrum der Krebse fällt, bildet mit ihren Miesmuschelbänken nicht nur eine riesige Lebensgemeinschaft und die Nahrungsgrundlage für zahlreiche weitere Organismen, sondern filtert auch Unmengen an Schadstoffen aus den Meeren.

Der adulte Kabeljau/Dorsch lebt hingegen meist in Tiefen von bis zu 80m und sucht dort vorwiegend seine Beute in Form von Sprotten auf. Die Wechselbeziehung der Individuenzahl zwischen Kabeljau/Dorsch und Sprotte konnte viele Jahrzehnte gut beobachtet werden. Waren die Dorschbestände stark, waren die Bestände der Sprotte dezimiert. Die Besonderheit dieser Beziehung liegt darin, dass der Kabeljau/Dorsch den Sporttenbestand in der Ostsee auf einem gewissen Niveau hält, damit der juvenile Kabeljau/Dorsch nicht in Konkurrenz um seine Nahrung mit der Sprotte steht. Die starke Befischung des Kabeljaus/Dorsches und eine Zunahme der Wassertemperaturen ermöglichte der Sprotte sich stärker als sonst in den letzten Jahren zu vermehren. Die Folge ist ein Rekordbestand der Sprottenpopulation in der Ostsee. Dieser Rekordbestand der Sprotten ist für den Kabeljau/Dorsch ein großes Problem. Nicht nur die Nahrungskonkurrenz mit der Sprotte für die juvenilen Tiere gefährdet den Bestand, auch die Tatsache, dass Sprotten die Eier des Kabeljaus/Dorschs zu ihrer Nahrung zählen. Eine Erhöhung des Kabeljau-/Dorschbestandes und somit die Rückführung in ihr natürliches Gleichgewicht wird aber vom Menschen behindert. Die Zuordnung der Art des Kabeljaus/Dorschs als gefährdet in der roten Liste und in der Ostsee durch HELCOM sogar als stark gefährdet lässt nur einen klaren Schluss zu. Eine deutliche Reduzierung der Fangquoten muss her, damit die Population sich erholen kann.

Dieses Beispiels zeigt die deutlichen Auswirkungen auf das ganze Nahrungsnetz. Fällt ein Top Prädator weg, entsteht ein Loch im Nahrungsnetz. Wie dieses durch die Natur aufgefangen wird, ist nicht in Gänze zu ermitteln. Eine konkrete Auswirkung ist für die Schweinswale klar zu definieren. Die einzigen heimischen Wale in der Ostsee ernähren sich unter anderem von Heringen, Sandaalen und kleinen Kabeljau/Dorschen. Heringe kommen in der Ostsee nur saisonal vor und bieten somit keine ganzjährige Nahrungsgrundlage, wie es der Kabeljau/Dorsch tut. Der eh schon stark gefährdete Säuger, würde somit eine seiner Hauptnahrungsquellen verlieren. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Schweinswale fast den ganzen Tag kleine Mengen an Nahrung zu sich nehmen. Durch störende Eingriffe kann diese durchgehende Nahrungsaufnahme deutlich unterbrochen werden. Eine deutliche Gewichtsabnahme bei Schweinswalen und damit eine größere Anfälligkeit für Krankheiten ist die Folge.

Entstehen Löcher im Nahrungsnetz, haben diese Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem. Diese Auswirkungen sind aufgrund der Komplexität des Nahrungsnetzes nicht im Vorfeld zu kalkulieren. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger diese zahlreicheren Verknüpfungen der Räuber-BeuteBeziehungen zu festigen und nicht unnötig aus dem Gleichgewicht zu bringen.

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